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Interview mit Caroline Rothauge (Gastwissenschaftlerin)

Dr. phil. Caroline Rothauge ist von Oktober 2019 bis März 2020 für sechs Monate Gastwissenschaftlerin am SFB 1015 „Muße“. Während Ihres Aufenthaltes konzentriert sich die studierte Kulturwissenschaftlerin und promovierte Historikerin auf die Bereiche ihres aktuellen Habilitationsprojekts „Zeit und Alltag. Vorstellungen von und Umgang mit (Pluri-)Temporalität im Deutschen Kaiserreich um 1900“, die mit Muße in Verbindung stehen.

Womit befassen Sie sich in Ihrem Habilitationsprojekt genau? Inwiefern eröffnet es uns einen neuen Zugang zur Geschichte der Jahrhundertwende?

Die Geschichte „der“ Moderne wird nach wie vor oftmals als ein geradliniger Prozess unaufhaltsamer Technisierung, Verwissenschaftlichung und Rationalisierung präsentiert. Damit einher geht häufig die These, die moderne Zeiterfahrung sei eine steter Beschleunigung. Wenn ich mir aber Quellen für das Deutsche Kaiserreich um 1900 anschaue, die Aufschluss über Vorstellungen von Zeit und den Umgang mit Zeit auf einer ganz alltäglichen Ebene geben, dann wird deutlich, dass die Zeitgenoss*innen vielmehr in und mit einer sogar zunehmenden Vielfalt von Zeiten lebten bzw. diese selbst hervorbrachten. Insofern zeigt mein Habilitationsprojekt zweierlei: zum einen, dass die Regulierung und Standardisierung verschiedener Zeiten gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei weitem noch nicht abgeschlossen gewesen sind; zum anderen, dass eine Historisierung von „Zeit“ zu einer differenzierteren Sicht sowohl auf „Moderne“ als auch auf eine vermeintlich allumfassende Beschleunigung beiträgt.

 

An welcher Stelle Ihrer Forschungen zu diesem Thema kommt die Muße ins Spiel?

Da im Zentrum meiner Untersuchung Vorstellungen von Zeit und der Umgang mit Zeit auf einer ganz alltäglichen Ebene stehen, geht es immer auch um Muße. Wie wurde Muße um 1900 verstanden und praktiziert (und wie nicht)? Zum Beispiel waren Definitionen von Muße stark abhängig von dem, was zeitgenössisch unter Arbeit verstanden wurde. Gerade in den sogenannten Arbeitswissenschaften wurde an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Schriften publiziert, in denen Konzeptionen von Muße zu finden sind. Andersherum lassen aber auch Fundstücke beispielsweise aus Unternehmensarchiven Rückschlüsse darauf zu, wie Arbeiter*innen sich auf einer ganz konkreten Ebene – und im Übrigen zum Teil während der Arbeit selbst! – Muße verschafften. Quellen sind für mich zudem Ratgeber, die um 1900 eine Konjunktur erlebten. Sie zeigen, welche Überlegungen aus den Arbeitswissenschaften popularisiert und Individuen nahegelegt wurden – Hinweise zu Muße inklusive.

 

Aktuell ist am SFB 1015 Muße die Geschichtswissenschaft mit keinem Teilprojekt vertreten. Wo sehen Sie die Potenziale spezifisch historiographischer Forschung in Bezug auf die Muße?

Ähnlich wie bei „Zeit“ (s. Frage 1) liegt das Potenzial spezifisch geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen zu Muße meines Erachtens darin, derartige Kategorien zu historisieren. Vorstellungen von Muße, das dazugehörige Begriffsinventar und unterschiedliche Formen des Umgangs mit entsprechend verstandener „Muße“ sind soziokulturelle Konstruktionen und somit wandelbar. Fragen von Macht, Identität, Klassenzugehörigkeit und Gender lassen sich aus dieser Perspektive, die Kontextualisierungen erforderlich macht, besonders gut herausarbeiten. Gerade im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsbereichs betont dies noch einmal die Notwendigkeit, stets offenzulegen, was genau gemeint ist, wenn von Muße die Rede ist. Außerdem könnte speziell mein Habilitationsprojekt auch dazu beitragen, eine verstärkte Reflexion darüber anzustoßen, von welchen Zeitvorstellungen überhaupt ausgegangen wird, wenn Muße im Mittelpunkt einer Untersuchung steht. Über die konzeptuelle Ebene hinaus wird meine Arbeit aufgrund der darin angewendeten historisch-kritischen Methode definitiv empirische Beschreibungen von Mußepraktiken liefern.