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Interview mit Salvatore Pisani

PD Dr. Salvatore Pisani ist von Oktober 2019 bis März 2020 Gastwissenschaftler am SFB 1015 „Muße“. Der habilitierte Kunsthistoriker befasst sich während seines Aufenthaltes mit dem Thema „Villa, Otium und Literatur in der Moderne“ und zwar am Beispiel von Curzio Malapartes Villa auf Capri.

 

Lieber Herr Pisani, können Sie die Leserinnen und Leser mit auf einen kurzen imaginären Rundgang durch Malapartes Villa nehmen? An welcher Stelle können wir länger stehen bleiben, um mehr über ihren Bauherren zu erfahren?

Ihre Formulierung des „imaginären Rundgangs“ ist ganz richtig gewählt, denn die Villa ist in der Regel nicht zu besichtigen. Und das auf der überlaufenen Touristeninsel Capri! Das war zur Erbauungszeit in den Jahren um 1940 nicht viel anders. Irgendwie gehört der Umstand bereits zur Eigenart dieser auf einem hohen Felsrücken einsam gelegenen Villa: In ihrem Rücken das Klimbim der Welt, vor ihr der sich weit öffnende Meereshorizont. Mit Letzterem verschmilzt der strenge Kubus der Villa zu einem für Malaparte bedeutungsvollen Bild, nämlich jenem der Freiheit. Man muss wissen, dass sich der Schriftsteller nach seiner Freilassung aus dem von Mussolini verhängten Exil auf Lipari hierher zurückzog. An seine Exilierung erinnert die keilförmige Außentreppe, die aufs Terrassendach führt. Sie zitiert jene Kirchentreppe, vor der sich Malaparte auf Lipari als politischer Gefangener fotografieren ließ. Die Villa ist also Memento einer Zeit der Unfreiheit. Malaparte nannte den Bau deshalb ein „Haus wie Ich“, das sein Trauma, wie er befand, angemessener als Worte zum Ausdruck bringe. Die angebliche Sprachlosigkeit des Vielschreibers Malaparte muss man sich freilich auf der Zunge zergehen lassen.       

 

Inwiefern ist diese Villa ein Ort der Muße? Oder anders gefragt: Was erfahren wir Neues über die Villa, wenn wir sie durch das Prisma der Muße-Forschung (des SFB) betrachten?

Durch ihre extreme räumliche Abgeschiedenheit ermöglicht die Villa ihrem Bewohner so etwas wie eine mentale Unbelangbarkeit. Hier kann man sozusagen aus der Welt fallen, besonders aus jener, die uns mit ihrem Getöse ständig auf trab hält. Und was ist Muße-Architektur anderes! Tricky nun ist, dass dieser Rückzugsort einem rastlosen Menschen diente. Als Tausendsassa und Provokateur war Malaparte jemand, der es liebte, Tabus zu brechen und Unruhe zu stiften. Muße war seine Sache nicht. Aber sie war ihm ein Spiel, nämlich ein Spiel mit Raumsemantiken. Der SFB hat mir in entscheidender Weise die Augen dafür geöffnet, strenger zwischen Muße als Realie und Muße als symbolischer Ordnung beziehungsweise Diskurs zu unterscheiden. So inszeniert Malaparte seine Villa zugleich als einen Ort des Ankommens wie des Aufbruchs, womit er die seit der Antike im Mittelmeerraum tradierte Otium-Idee der Villa gegen den Strich wendet. Diese Muße-Unrast-Paradoxie der Villa subsummiere ich unter den Begriff der mediterranen Moderne.  

 

Die Möglichkeit, in einer Villa leben und einen mußeaffinen Lebensstil entfalten bzw. inszenieren zu können, ist bis heute an eine bestimme sozioökonomische Stellung gekoppelt. Inwiefern vermag die Geschichte von Malapartes Villa weiterführende Aufschlüsse über den Zusammenhang von Muße und ihren sozioökonomischen Voraussetzungen in der Moderne zu geben?

In der Kunst hat man es meist mit Singularitäten zu tun, die für Verallgemeinerungen kaum taugen. Ihre Erkenntniskraft liegt eher darin, dass man es gerade nicht mit gängigen Verhältnissen zu tun hat. Malaparte war ein Adept der sogenannten irrationalen Ökonomie, des unwirtschaftlichen Wirtschaftens. Dazu gehört auch, dass man gar nicht recht weiß, wie er sich seine Villa leisten konnte. Ein solcher Grenzgänger entzieht sich dessen, was die Masse täglich umtreibt. Anders als in Soziologie, Ethnologie oder Psychologie betrachte ich Mitte-Diskurse von der Peripherie her. Ich nehme die Villa Malaparte als das Andere der Mitte. Und wie so oft ist dieses ‚Andere’ prädestiniert, zu einem Objekt der Verehrung zu werden. Um die Villa Malaparte wird in der Tat ein ausgesprochener Kult betrieben, in dem Muße gleichsam zum Fetisch erhoben wurde. Davon zeugt nicht zuletzt ein jüngster Werbeclip von Louis Vuitton, in welchem die Malaparte-Villa zum Aura-Spender eines Luxusprodukts wird, das die Vielen erwerben sollen. Ohne Fetische, d.h. ohne Singularitäten wie die Malaparte-Villa, würde unsere Gesellschaft kollabieren, oder?