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Interview mit Stefan W. Schmidt (Gastwissenschaftler)

Dr. phil. Stefan W. Schmidt ist von September bis Dezember 2019 für vier Monate Gastwissenschaftler am SFB 1015 Muße. Der Philosoph, Ästhetiker und Phänomenologe beschäftigt sich hier mit seinem Forschungsprojekt "Zur Bedeutung von Artefakten in der Konstitution von Orten und Situationen der Muße". Im Kurzinterview stellt er sich und seine Arbeit nun vor.

Sie wurden an der Universität Wuppertal mit einer Arbeit über Heideggers Freiheitstheorie promoviert. Führt bereits von dieser Arbeit ein wissenschaftlicher oder gar biographischer Weg zum Thema Muße?

Auch wenn es in der Arbeit dem Titel nach um Freiheit geht, steht im Mittelpunkt doch der Begriff der Welt und ihr Bezug zu unserer Praxis des Begründens. Freiheit, Welt und Grund sind die zentralen Begriff einer positiven Metaphysik, die Heidegger Ende der 1920er Jahre entwirft. Insofern bestand also noch kein Bezug zur Muße. Allerdings geht es in der Arbeit auch um die Art und Weise, wie wir der Welt gewahr werden. Insbesondere darum, wie die Auseinandersetzung mit den Dingen die konkrete Gestalt von Welt bestimmt. Insofern hat mich die Arbeit indirekt zur Bedeutung der Dinge und Artefakte geführt, die nun im Zentrum meines Projektes am SFB Muße stehen.

 

Sie beschäftigen sich während Ihres Aufenthaltes am SFB 1015 Muße vor allem mit der Rolle von Artefakten. Warum sind diese in Bezug auf die Muße von Interesse? Welche Fragen stehen im Mittelpunkt Ihrer Forschung?

Situationen von Muße hängen von einer Reihe von Dingen ab. Dabei fällt auf, dass wir immer wieder aktiv Rahmenbedingungen für Muße schaffen müssen. Dazu gehören nicht nur Räume der Muße, sondern in Verbindung damit häufig auch Artefakte. Viele der Mußepraktiken sind mit dem Gebrauch bestimmter Artefakte verbunden. Sei es etwa Schreibzeug, Bücher oder zeremonielle Gegenstände, deren Beschaffenheit eine Rolle innerhalb der jeweiligen Mußepraxis spielt. Im Zentrum meines Projektes steht daher vor allem die Untersuchung der Verbindung der Sinnlichkeit und Materialität von Artefakten zu unserer Leiblichkeit und wie diese Beziehung dazu genutzt wird Situationen der Muße zu stiften.

 

Können Sie Ihre Überlegungen anhand eines konkreten Gegenstandes näher beschreiben? Wie gestaltet sich Ihr philosophischer oder auch persönlicher Zugang zu diesem?

Bestimmte Artefakte fordern uns geradezu auf innezuhalten, wie dies etwa Teeschalen in der japanischen Tee-Zeremonie tun, die so beschaffen sind, dass sie zur genauen Betrachtung und damit zur konzentrierten Kontemplation einladen. Auf der materiellen Ebene gehört dazu das Gewicht der Schale, wenn wir sie in der Hand halten und aus ihr trinken, ihre Farbe, die Struktur der Oberfläche, die Spuren des Tees, wenn wir aus ihr getrunken haben. Da einer meiner Forschungsschwerpunkte in der Ästhetik liegt, setze ich mich also bereits auf dieser Ebene ganz konkret mit Muße-Artefakten auseinander. Aber allgemein gesprochen ist natürlich meine philosophische Arbeit als solche wesentlich in einer Mußepraxis verankert.