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Mußeum - Museum der Muße und Literatur Baden-Baden

Literaturmuseum

Literaturmuseum im Gartenhaus der Stadtbibliothek Baden-Baden


Im Transferprojekt „Mußeum“ werden die Erkenntnisse und Diskussionen des SFB 1015 „Muße“ in praktisch nachvollziehbarer und nicht nur abstrakt-theoretischer Form an eine breitere Öffentlichkeit vermittelt. Die Erfahrungen aus der Praxis fließen umgekehrt in die wissenschaftliche Arbeit des SFB zurück.
Bis 2020 wurde das bestehende Literaturmuseum in Baden-Baden umgestaltet zu einem Museum der Muße und Literatur. Das Konzept beruht auf der Grundannahme, dass sowohl der Besuch eines Museums wie auch die Situation des (literarischen) Erzählens eine hohe strukturelle Affinität zum Zustand der Muße als „tätiger Untätigkeit“ oder „absichtsvoller Absichtslosigkeit“ aufweisen. Im „Mußeum“ wird veranschaulicht, wie SchriftstellerInnen und andere Kulturschaffende des 19. und 20. Jahrhunderts (einige Beispiele: Fedor Dostoevskij, Ivan Turgenev, Nikolaj Gogol’, Alfred de Musset, Mark Twain, Henry James, Johann Peter Hebel, Clemens Brentano, Alfred Döblin, Otto Flake u.v.m.) die Atmosphäre der Kurstadt Baden-Baden und der zwanglosen interkulturellen Begegnung als Muße erlebt und künstlerisch gestaltet haben. Umgekehrt wird auch das Prekäre der Muße – das Umschlagen in Langeweile, Geltungssucht und Prestigekämpfe, Spielsucht etc. –, das sich im dem Alltag enthobenen Chronotopos des Kurortes ebenso gehäuft findet, nicht verschwiegen. Das Besondere des „Mußeums“ liegt vor allem darin, dass Muße bzw. Nichtmuße nicht nur Thema der Darstellung ist, sondern auch in die Form der Präsentation Eingang findet: Muße soll in Muße, Nichtmuße in Nichtmuße erlebt werden können.
Die Konzeption des „Mußeums“ dockt hier an an die Überlegungen zu einer grundlegenden Revision der konventionellen Vorstellungen vom Museum, wie sie in der Museumswissenschaft seit langem dominieren. Die Verweildauer wird erhöht, die Modi des Gehens und Stehens werden durch die des Sitzens, ja des Liegens wo nicht ersetzt, so zumindest ergänzt. Durch Einsatz verschiedenster Medien, aber auch schlicht durch die „Anfassbarkeit“ der Exponate werden alle Sinne angesprochen und die BesucherInnen aktiv ins Geschehen „hineingesogen“. Durch die mit dem Museum räumlich verbundene Stadtbibliothek wird eine Erweiterung des – an sich sehr kleinen – Museumsraums in die „Welt der Bücher“ möglich.
Als Pilotprojekt für das „Mußeum“ diente eine Ausstellung über den russischen Schriftsteller Ivan Turgenev, der fast die Hälfte seines Lebens in Westeuropa verbrachte, davon sieben Jahre in Baden-Baden, und dessen Geburtstag sich 2018 zum 200. Male jährte. Die Ausstellung fand in den Räumen des Stadtmuseums Baden-Baden statt, sodass parallel bereits erste Umgestaltungsarbeiten im Literaturmuseum durchgeführt werden konnten. Der thematische Schwerpunkt der Ausstellung lag auf der Aktualität Turgenevs und seiner Bedeutung als Kulturvermittler zwischen Russland und Westeuropa. Es wurde gezeigt, wie intensiv sich Turgenev in seinem literarischen Schaffen sowie in seinen kulturellen Aktivitäten um eine Annäherung zwischen West und Ost bemühte, wie diese Bemühungen aber auch immer wieder an Grenzen stießen – Vorurteile und Klischees, Sprachbarrieren, politische Konflikte (nicht selten wurden Turgenevs eigene Werke als „Waffen“ im Kulturkampf zwischen Ost und West „zweckentfremdet“). Dabei wurde in der Form der Präsentation intensiv erprobt, wie sich die oben geschilderten Modi der Muße bzw. Nichtmuße gestalten lassen. Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitbuch erschienen, außerdem stehen auf der Website des SFB 1015 zahlreiche fotografische Impressionen und Pressestimmen bereit.

 

Mitarbeitende:

Sonja Erhardt
Olga Gorfinkel
Dr. Regine Nohejl